Gespielt wird nicht! English Version
THEATER Wie der Wiener Regisseur Josef Szeiler am Berliner Ensemble „Philoktet” von Heiner Müller (nicht) inszeniert hat.
Bernhard Gaul / Berlin.
Zuerst erschienen in: Falter 48/1995
„Im Prolog stellt der Clown den Zirkus in Frage.“
Heiner Müller in einem Brief an Miko Gotscheff, dem Regisseur der bulgarischen Erstaufführung von „Philoktet“.
Zu Beginn der Vorstellung liegen oder hocken vier Männer auf der Spielfläche des Theaterraumes, die sich über den gesamten Zuschauerraum und Teile der eigentlichen Bühne erstreckt: Odysseus (Nina Sandow) und Neoptolemos (Uwe Preuß), nackt bis auf schwarze Schnürstiefel, Philoktet (Fritz Marquardt), mit nacktem Oberkörper, und Arno Rabl, der die Regieanweisungen des Textes liest, in schwarzem Overall. Gespielt wird nicht, es sei denn, man würde jenes zeitweilige Verändern der Haltung als Spiel zu interpretieren versuchen. Auch der Zuschauerraum ist ausgeleuchtet, dann wieder herrscht Dunkelheit – und Stille.
Nach zahlreichen Projekten an den unterschiedlichsten theaterfremden Orten hat der Wiener Regisseur Josef Szeiler (AngelusNovus) zum ersten Mal an einem „großen Haus“, einem institutionalisierten Theater gearbeitet. „Philoktet“ ist eine Vorarbeit zu der von Szeiler und Aziza Haas für nächstes Jahr mit Texten von Heiner Müller geplanten Projekt „Jenseits des Todes“. Was vor zwei Wochen im (von Müller geleiteten) Berliner Ensemble stattfand, wollte der Theaterpurist Szeiler – wie er im Neuen Deutschland feststellte – jedenfalls nicht als Premiere verstanden wissen: „Am 17. November findet keine Premiere, sondern der erste öffentliche Versuch mit ‚Philoktet‘ statt. (…) Premiere ist ein Verständigungsbegriff für ein abgeschlossenes Produkt.“
Die Proben zum Stück waren tendenziell „offen“, ungewöhnlich auch die Zusammenstellung der Schauspieler: Nino Sandow, zwar schon seit fünf Jahren am BE engagiert, ist eigentlich Musiker; Fritz Marquardt ist Regisseur, im Gegensatz zu seinen Mitspielern etwa so alt wie Heiner Müller und wie dieser aus der Geschichte des Theaters in der DDR und der Debatte um die Weiterführung der Arbeit Brechts nicht wegzudenken. Er liest seinen Text: ein angenehmer Verzicht auf die Bedingung des Auswendiglernens als Voraussetzung jedes Hinaustretens vor ein Publikum, dem man zuschreibt, zunächst einmal einen Dressurakt zu verlangen, bevor es sich zum Zuhören herablassen könnte.
Ist man mit der radikalen Theaterarbeit von Haas und Szeiler (siehe Falter 49/92) vertraut, mag „Philoktet“ zunächst als Rückschritt erscheinen. Da sind etwa die Türen während der Aufführung geschlossen, die Zuschauer sitzen fest auf ihren Stühlen. Es ist eng, wie üblich in solchen Theatern, und die Aufführungszeit hält sich im Rahmen der gewohnten 2 Stunden. Beginn 19.30 Uhr. Es gibt Rollen, der Text wird einmal durchgesprochen, dann ist Schluß. Es gib kaum Brüche, keine Abbrüche, Wiederholungen. Die Pausen (das Schweigen) könnten länger sein, das Ganze könnte länger sein, wieder von vorne beginnen … es ist zu wenig.
Eine Aufwärmübung, aber dennoch: die Vorstellung eines Modells, das sich notwendig nur über Zeit erschließen kann, für die Zusehenden wie für die Produzierenden. Kennt man die Bedingungen und die Selbstverständnisse, unter denen für gewöhnlich an Theaterinstitutionen gearbeitet wird – symptomatisch ablesbar am Programmzettel, wo, gewohnt separiert und hierarchisch layoutiert, die an der Produktion Beteiligten vorgestellt werden -, kennt man den Reflex, im Notfall auf das Bekannte, Erfolgreiche, schon Erprobte zurückzugreifen, ergibt sich mit „Philoktet“ ein Ausblick auf ein wichtiges Projekt, dessen Weiterführung unbedingt zu wünschen ist.
Auch wenn die – als Qualität behaupteten – fünf Wochen Probenzeit vielleicht zu kurz waren, um bei den Schauspielern soviel Vertrauen in die Arbeit zu entwickeln, daß dem Druck, eine erfolgreiche „Premiere“ liefern zu müssen, besser widerstanden hätte werden können, waren am 17. November grundlegende Ansätze von Szeilers Zugang sichtbar. Zuallererst der, die Arbeit am Text, die Arbeit des Schauspielers anstelle der Textvermittlung in den Vordergrund zu rücken. Die Schauspieler sind das Material, ihre Biografie, ihre Haltungen und Zugänge sind das, woran angeknüpft wird. Der Prozeß ihrer mehr oder weniger erfolgreichen Annäherung zueinander, zum Text, an den Raum, an die ungewohnte Situation wird sichtbar gemacht. Der Musikalität des Textes wird vertraut; und es kann wohl keiner, der genau hinhörte, um Fritz Marquardt gerade noch zu vernehmen, behaupten, daß der Rhythmus und die Melodie dieser Sprache nicht Geschichte zu vermitteln vermöchten.
Die von Brecht geforderte „Zuschaukunst“ sollte allerdings nicht nur anhand einzelner „Aufführungen“ wie „Philoktet“ entwickelt und befriedigt werden. Das Projekt „Jenseits des Todes“ soll das ganze Haus mit einbeziehen, es auch zu anderen Zeiten zugänglich machen. Schon jetzt lockt es, wiederzukommen, zu sehen, was weiterführbar ist und was nicht. Zu sehen, wie diese Diskussion nach innen verläuft. Ob es den Mut gibt, dem Publikum Zeit zu geben, sich auf eine veränderte Benutzung des Theaters einzustellen. Ob man an einem solchen Haus auch an Theater öffentlich arbeiten kann, auch wenn ein Publikum nicht immer vorhanden sein sollte.
Heiner Müller, im oben zitierten Brief: „Das Theater kann sein Gedächtnis für die Wirklichkeit nur wiederfinden, wenn es sein Publikum vergißt. Der Beitrag des Schauspielers zur Emanzipation des Zuschauers ist seine Emanzipation vom Zuschauer.“
Foto: Bühnenraum von Mark Lammert
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